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Ergebnisse des Projektes milchQplus

Hintergrund und Zielsetzung

Eutererkrankungen sind seit Jahren eine der drei häufigsten Abgangsursachen in Deutschland. In 2015 lag die Abgangsrate aufgrund von Eutergesundheitsproblemen bei 13,3 % (ADR, 2016). Der dadurch entstehende wirtschafltiche Schaden ist immens und wird auf ca. 1,4 Mrd. € geschätzt (DVG, 2012). Die Kosten, insbesondere die Kosten bedingt durch eine verringerte Milchleistung, werden dabei in der Praxis vielfach unterschätzt.

Neben den negativen Auswirkungen für das Tierwohl und die Ökonomie des Betriebes führen Eutererkrankungen, sowohl durch eine reduzierte Milchleistung als auch durch hohe Remontierungsraten, zu einem erheblichen Ressourcenverbrauch. Nur jedes fünfte Tier erreicht die vierte Laktation, sodass die Aufwendungen für die Aufzucht überproportional zu Buche schlagen.
Euterkranke Tiere müssen behandelt werden. Jedoch wird der Einsatz von Antibiotika aufgrund der Entstehung antibiotikaresistenter Keime und der Rückstandsproblematik kritisch gesehen. Insbesondere chronisch kranke Tiere mit schlechten Heilungsschancen stehen hier im Fokus, um eine unwirksame Antibiotikanutzung möglichst zu vermeiden (Mansion-de Vries et al., 2015). Ziel muss es sein den Anteil eutergesunder Tiere zu erhöhen, denn nur so kann der Antibiotikaeinsatz nachhaltig reduziert werden.

Viele Experten, darunter Tierärzte, Euter- und Tiergesundheitsdienste sowie Landeskontrollverbände, versuchen seit vielen Jahren, die Häufigkeit von Euterentzündungen zu senken. Bis jetzt ohne durchschlagenden Erfolg. Es fehlte ein einheitliches Gesamtkonzept, welches dem Landwirt/Betriebsleiter den Ist-Zustand der Eutergesundheit objektiv beschreibt, auf Schwachstellen im Betrieb hinweist und ein Benchmarking ermöglicht. Mit dem Projekt milchQplus hat sich unter der Koordination des Deutschen Verbands für Leisungs- und Qualitätsprüfungen e.V. (DLQ) in Kooperation mit der Hochschule Hannover ein Netzwerk - bestehend aus den Milchkontrollverbänden, Milchprüfringen und Rechenzentren - der Entwicklung eines Gesamtkonzeptes verschrieben.


Deutschlandkarte Red

Die Basis - ein nationales Netzwerk

Die Milchkontrolle bzw. Milchleistungsprüfung (MLP) ist seit über 100 Jahren ein Garant für gesunde und leistungsfähige Tiere. Zwölf Kontrollverbände, zwei Milchprüfringe und ein Rechenzentrum sorgen deutschlandweit für eine unabhängige Analyse, eine einzigartige Logistik und eine vertrauensvolle Datenverarbeitung, die den Milchviehhaltern wertvolle Daten für ein effizientes Herden- und Gesundheitsmangement an die Hand gibt.

Mit der Milchkontrolle erfasst das Netzwerk derzeit die Milch von 3,7 Mio. Tieren auf 48.000 milchviehhaltenden Betrieben. Das DLQ-Netzwerk deckt so rund 90 Prozent der deutschen Milchkühe ab und stellt damit das weltweit zweitgrößte System einer national organisierten Milchkontrolle dar.


Mikroskopische Aufnahme somatischer Zellen in der Milch

Mikroskopische Aufnahme somatischer Zellen in der Milch

Voraussetzungen für eine Verbesserung der Eutergesundheit

Eine Fülle von Risikofaktoren kann die Eutergesundheit negativ beeinflussen. Auf diese muss das betriebliche Herdenmanagement ständig reagieren - stets mit dem Ziel, Neuinfektionen zu vermeiden und den Anteil eutergesunder Kühe zu erhöhen.

Im Sinne der Prävention ist es entscheidend so früh wie möglich auf sich verändernde Eutergesundheitssituation zu reagieren. Dabei kann ein Frühwarnsystem nur so gut sein, wie der Parameter, auf dem es beruht. Dieser muss hochsensitiv reagieren, um einen hohen Prozentsatz an erkannten Neuinfektionen und wenig falsch-negative Erkrankungsfälle sicher zu stellen. In punkto Eutergesundheit haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass der Zellgehalt ein verlässlicher Indikator hierfür ist. Bereits bei einem Zellgehalt > 100.000 Zellen/ml geht die normale zelluläre Abwehr in eine subklinische Entzündungsreaktion über - die Eutergesundheit ist gestört (DVG, 2012).

Der Zellgehalt (somatic cell count = SCC) setzt sich aus verschiedenen Zellpopulationen zusammen. Neben Epithelzellen sind Abwehrzellen, hauptsächlich Leukozyten, polymorphkernige neutrophile Granulozyten und Makrophagen beteiligt. Diese treten je nach Krankheitsverlauf in unterschiedlichen Anteilen auf. Mit Hilfe der Differenzierung dieser Zellen könnten präzisere Aussagen über die Eutergesundheit getroffen werden, die die Entscheidung über den Einsatz von Antibiotika beieinflussen könnte.

Bei der Optimierung der Eutergesundheit kommt der Kommunikation zwischen Landwirten, Tierärzten und Beratern eine Schlüsselrolle zu. Die Kenntnis über verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten der betrieblichen Eutergesundheitssituation innerhalb, aber auch zwischen den Berufsgruppen sowie über die Motivationshintergründe gegen steigende Zellzahlen vorzugehen ist dabei entscheidend. Ein Einblick über persönliche und betriebliche Barrieren birgt ein großes Potential, die Eutergesundheit nachhaltig positiv zu beeinflussen. Gut gemeinte Verbesserungsvorschläge waren in der Vergangenheit häufig nicht überzeugend. Vielmehr müssen Landwirte, die tagtäglich die Verantwortung für ihr Handeln tragen, von den Verbesserungspotentialen überzeugt sein, um dauerhaft Arbeitsabläufe anzupassen und liebgewonnene Gewohnheiten abzulegen.
International haben bereits einige Programme zur Verbesserung der Tiergesundheit das Problem erkannt und die Kommunikation aktiv in den Fokus ihrer Arbeit gestellt. Das kanadische Programm TACTIC sowie das Programm Countdown Downunder aus Australien konnten damit messbare Erfolge bei der Verbesserung der Eutergesundheit erzielen. Das starke Interesse an der 2011 in Utrecht abgehaltenen internationalen Konferenz Udder Health and Communication hat die Brisanz des Themas auch in Europa bewiesen (Hogeveen und Lam, 2011).


Mustervorlage für den Eutergesundheitsbericht

Mustervorlage für den Eutergesundheitsbericht

Das Ergebnis: Neue Kennzahlen für das Eutergesundheitsmonitoring

Kern des Projekts ist die Implementierung von sechs zusätzlichen Eutergesundheitskennzahlen (s.u.) in die monatlichen Berichte aus der Milchkontrolle. Im Sinne eines Frühwarnsystems verdeutlichen sie leicht verständlich und auf einen Blick den Eutergesundheitsstatus und dessen Entwicklung auf Herdenebene. Darüber hinaus verhelfen die objektiv berechneten Zahlen zu einer Versachlichung der Eutergesundheitsbewertung, denn gerade in Krisenzeiten werden betriebliche Entscheidungen zur Mastitisbekämpfung oftmals aus dem Bauch heraus getroffen. Die Kennzahlen ermöglichen eine Effektivitätskontrolle durchgeführter Optimierungsmaßnahmen und sind die Basis eines strategischen und betriebsindividuellen Eutergesundheitsmanagements.

 

100.000 Zellen/ml im Sinne der Prävention

Ein Orientierungswert von 100.000 Zellen/ml dient als Berechnungsgrundlage aller Kennzahlen und hilft dabei, zwischen Euter gesund und Eutergesundheit gestört zu unterscheiden. Diese Zellzahlgrenze soll und kann dabei nicht zur konkreten Einordnung des Einzeltiers dienen, vielmehr stellen die neuen Kennzahlen ein Werkzeug zur Überwachung der Herdengesundheit dar, um rechzeitig auf sich verändernde Eutergesundheitssituationen reagieren zu können. Im Sinne einer überbetrieblichen Vergleichbarkeit werden zu jeder Kennzahl die Vergleichswerte der 25 % besten Betriebe des jeweiligen Bundeslandes angegeben, so dass jeder Milcherzeuger einschätzen kann, wo er mit seiner Herde steht.

 

Kritische Phasen in der Laktation

Mit der Berechnung der Anteile eutergesunder und neuinfizierter Tiere sowie dem Anteil der chronisch kranken Tiere mit schlechten Heilungsaussichten stehen drei essentielle Kennzahlen für die Beurteilung der laktierenden Tiere zur Verfügung. Ist der Anteil eutergesunder Tiere zu niedrig oder weist er eine sinkende Tendenz auf, ergeben sich zwei wesentliche Hinweise für das Management: Maßnahmen, die zur Ausheilung der Tiere durchgeführt werden, greifen nicht oder (und) das Neuinfektionsrisiko ist zu hoch.

Mögliche Ursachen für hohe Neuinfektionsraten können innerbetriebliche Risiken sein, die sich akut von einer zur nächsten Milchkontrolle zeigen oder langfristig einen Einfluss auf bestimmte Laktationsstadien haben. Daher wird die Neuinfektionsrate sowohl monatlich als auch nach Laktationstagen berechnet. So kann z.B. festgestellt werden ob eine aktuell veränderte Ration oder speziell die Gruppe der frischlaktierenden Tiere Probleme bereiten und für erhöhte Gesamtzellzahlen verantwortlich ist. Auch der Anteil chronisch kranker Tiere mit schlechten Heilungsaussichten kann zu einer hohen Neuinfektionsrate führen, stellt jene Gruppe doch ein erhebliches Infektionsrisiko für die Herde dar. Insbesondere in Zeiten der Bestandsaufstockung wird dieser Kennzahl wenig Aufmerksamkeit geschenkt und Einzeltiere wiederholt behandelt, nicht selten mit wenig Aussicht auf Besserung.


Sechs Kennzahlen für die Eutergesundheit

Anteil eutergesunder Tiere

Anteil der Tiere mit einem Zellgehalt ≤ 100.000 Zellen/ml an allen laktierenden Tieren in der aktuellen Milchkontrolle

 

Neuinfektionsrate in der Laktation

Anteil der Tiere mit einem Zellgehalt > 100.000 Zellen/ml in der aktuellen Milchkontrolle an allen Tieren mit ≤ 100.000 Zellen/ml in der vorherigen Milchkontrolle

 

Chronisch euterkranke Tiere mit schlechten Heilungsaussichten

Anteil der Tiere, die jeweils > 700.000 Zellen/ml in den letzten 3 Milchkontrollen aufweisen, an allen aktuell laktierenden Tieren

 

Erstlaktierendenmastitisrate

Anteil der Erstlaktierenden mit Zellgehalt > 100.000 Zellen/ml in der ersten Milchkontrolle nach der Kalbung an allen Erstlaktierenden in einem Jahr

 

Neuinfektionsrate in der Trockenperiode

Anteil der Tiere mit > 100.000 Zellen/ml in der ersten Milchkontrolle nach der Kalbung an allen Tieren mit ≤ 100.000 Zellen/ml zum Trockenstellen

 

Heilungsrate in der Trockenperiode

Anteil der Tiere mit ≤ 100.000 Zellen/ml in der ersten Milchkontrolle nach der Kalbung an allen Tieren mit > 100.000 Zellen/ml zum Trockenstellen

 


Bundesweites Benchmarking 2015

Wo lag der Durchschnitt und wer schnitt am besten ab?

Anteil eutergesunder Tiere Neuinfektionsrate in der Laktation Anteil chronisch euterkranker Tiere mit schlechten Heilungsaussichten Erstlaktierenden-Mastitisrate Trockenstehermanagement
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