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Faktencheck

Hier finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen zu den neuen Kennzahlen:


Warum benutzen wir im milchQplus-Projekt den Orientierungswert von 100.000 Zellen/ml?

Der Gehalt an somatischen Zellen in der Milch ist der bedeutendste Entzündungsparameter des Euters. Auch in der physiologischen Milch finden sich, neben Epithelzellen, verschiedene körpereigene Abwehrzellen ─ polymorphkernige Granulozyten (PMNs), Lymphozyten und Makrophagen. Im Falle einer Entzündungsreaktion im Euter steigen die Gesamtzahl und der Anteil der Abwehrzellen, vor allem der PMNs, je nach Schwere der Erkrankung und des auslösenden Erregers jedoch an. Kommt es zur Ausheilung, sinkt die Zellzahl wieder ab. Die dadurch entstehenden Zellzahlverläufe werden im Rahmen von milchQplus aus den monatlichen MLP-Daten für die Berechnung neuer Kennzahlen für das Eutergesundheitsmonitoring analysiert, um in dieser Form als Frühwarnsystem zur Überwachung der Herdengesundheit zu dienen. Veränderungen der Eutergesundheit, die in die falsche Richtung laufen, müssen so früh wie möglich erkannt werden, um zielgerichtete Gegenmaßnahmen einleiten zu können – noch bevor das Kind oder die Kuh in den Brunnen gefallen ist. Nur so können schwerwiegende Folgen für die Tiergesundheit und die Betriebsökonomie verhindert werden.

Diesem Ziel der Früherkennung wird mit dem Orientierungswert von 100.000 Zellen/ml zur Einteilung in eine ungestörte bzw. gestörte Eutergesundheit bei der Berechnung der neuen Kennzahlen Rechnung getragen. Nach wissenschaftlichem Kenntnisstand sind Zellzahlen von 20.000 bis maximal 100.000 Zellen/ml Milch (Zählung nach fluoreszenzoptischem Prinzip), rasseunabhängig als physiologischer Normalbereich definiert (Hamann 2001, Djabri et al., 2002; Seegers et al., 2003; Adisarta, 2010). Bei höheren Zellwerten geht die normale zelluläre Abwehr in eine entzündliche Reaktion über. Mit fortschreitender Laktation und steigender Laktationsnummer kommt es zwar zu einem Anstieg des Zellgehalts, der jedoch im Falle gesunder Euterviertel den physiologischen Wert von 100.000 Zellen/ml nicht überschreitet. Auch aus ökonomischer Sicht ist der Orientierungswert von 100.000 Zellen/ ml ein wichtiger Parameter für das Betriebsmanagement. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Hauptmilchverluste durch subklinische Mastitiden schon im Bereich unter 200.000 Zellen/ml entstehen (zum Beispiel Rudolph, 2004, Halasa et al., 2009).  

Mit dem Orientierungswert von 100.000 Zellen/ml wird im Sinne eines Frühwarnsystems eine möglichst hohe Sensitivität (d. h. ein hoher Prozentsatz an erkannten Neuerkrankungen, wenig falsch-negative Erkrankungsfälle) für aufkeimende Eutergesundheitsprobleme auf Herdenebene erreicht gegenüber dem international bisher gebräuchlicheren Wert von 200.000 Zellen/ml, der einer höheren Spezifität (d.h. ein hoher Prozentsatz der gesunden Kühe wird als gesund eingestuft, wenig falsch-positive Erkrankungsfälle) Rechnung trägt.

Der Orientierungswert von 100.000 Zellen/ml soll und kann nicht zur konkreten Einordnung des Einzeltiers in gesund oder erkrankt dienen, geschweige denn als alleinige Behandlungs- oder gar Merzungsgrundlage genutzt werden. Eine solche Diagnose bzw. Entscheidung ist ohne eine genaue klinische Untersuchung des Tieres durch den betreuenden Tierarzt/in natürlich nicht möglich. Vielmehr stellen die mit Hilfe des Orientierungswerts berechneten Kennzahlen ein sensitives Werkzeug zur Überwachung der Herdengesundheit im Sinne eines kontinuierlichen Eutergesundheitsmonitoring dar. Sie werden bereits heute oder in naher Zukunft, je nach Bundesland, automatisch im Rahmen der monatlichen MLP von den Landeskontrollverbänden ohne jeden Mehraufwand für die Betriebe berechnet.



Warum benutzen wir im milchQplus-Projekt den Begriff Neuinfektionsrate in Zusammenhang mit erhöhten Zellzahlen?

Die Kernaspekte der Eutergesundheitssituation auf einem Betrieb lassen sich durch die Bestimmung der Dauer von auftretenden Infektionen und der Anzahl von Neuinfektionen beschreiben. Eine Neuinfektion ist medizinisch definiert als das Eindringen, Verbleiben und anschließende Vermehren von Krankheitserregern in einem Wirtsorganismus. Dadurch werden, außer bei latenten Infektionen, körpereigene Abwehrmechanismen, wie  der  vermehrte Einstrom körpereigener Abwehrzellen in das Eutergewebe und deren Ausscheidung in die Milch, in Gang gesetzt. Diese Immunreaktion auf eine Neuinfektion im Euter wird durch die Zellzahlmessung in der Milch als diagnostischen Parameter zur Erhebung des Eutergesundheitsstatus genutzt.

 

So wird für die neuen Kennzahlen für das Eutergesundheitsmonitoring die Neuinfektionsrate auf Herdenebene anhand des Orientierungswerts von 100.000 Zellen/ml in der Laktation und über die Trockenperiode berechnet. Auch international werden Zellzahlerhöhungen über den jeweiligen Orientierungswert in Herdenmanagementprogrammen als Neuinfektionen benannt (zum Beispiel AgSource Cooperative Services, USA). Die somatische Zellzahl ist allerdings ein indirekter Parameter. Ohne eine bakteriologische Untersuchung der Milch mit Erregerfund kann eine Neuinfektion des Euters nicht mit absoluter Sicherheit festgestellt werden, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Umwelteinflüsse oder physiologische Faktoren wie Laktationsanzahl, Laktationszeitpunkt, Brunst oder Hitzestress nur geringe Einflüsse auf den Zellzahlgehalt von nicht infizierten Eutervierteln haben (Dohoo und Meek, 1982; Harmann, 1996; Laevens et al., 1997).

 

Aber die berechneten Kennzahlen zur Neuinfektionsrate zielen auch nicht  auf die klinische Beurteilung des Einzeltiers ab. Dafür bedarf es einer klinischen Untersuchung und der Untersuchung von Viertelgemelksproben. Sie bilden vielmehr das Infektionsgeschehen auf Herdenebene ab. Der Anteil der Neuinfektionen in der Laktation oder in der Trockenperiode wird, außer bei kleinen Herden, als Rate in Prozent angegeben, um auf einen Blick den Herdentrend erkennen und ihn kontinuierlich verfolgen zu können. Veränderungen der Eutergesundheit, akute genauso wie schleichende, können somit frühzeitig erkannt werden.

 

Ein großer Vorteil der Zellzahlanalysen gegenüber der bakteriologischen Untersuchung von Milchproben liegt darin, dass sie in den der Milchleistungsprüfung angeschlossenen Betrieben kontinuierlich, ohne zusätzlichen Arbeits- und finanziellen Aufwand zur Verfügung stehen. Die daraus ableitbaren Informationen gilt es, bestmöglich für das Herdenmanagement im Sinne eines Frühwarnsystems zu nutzen, um im Bedarfsfall rechtzeitig weiterführende Untersuchungen einleiten zu können.


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