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Euter Braunvieh

Risikofaktor Zitzenkondition

Die Zitzen des Rindereuters stellen die wichtigste Abwehrbarriere gegenüber dem Eindringen von Euterentzündungskeimen in die Milchdrüse dar (Wendt, 2000). Mehrheitlich gelangen die Mastitiserreger über den Zitzenkanal in die Milchdrüse. Um dieses Eintreten zu verhindern, besitzt die Rinderzitze eine Vielzahl von Abwehrmechanismen. Hierzu gehören Faktoren wie das ständige Herausschwemmen von Milch und eingedrungenen Mikroorganismen durch den Milchentzug, das schnellstmögliche Schließen des Zitzenkanals nach Beendigung des Melkens, die ständige Versorgung der Zitzenspitze mit frischen Abwehrzellen aus dem Blut der Kuh, sowie der regelmäßige Ersatz des Keratins im Zitzenkanal nach jedem Milchentzug. Diese Eigenschaften können  nur aufrechterhalten werden, wenn das Zitzengewebe kontinuierlich mit frischem Blut versorgt wird. Durch das maschinelle Melken kann diese Versorgung behindert oder kurzfristig verhindert werden.

Neben dem maschinellen Milchentzug kann das Zitzengewebe und insbesondere die Zitzenhaut auch durch Einflüsse aus dem Haltungsumfeld der Tiere (Boxeneinstreu, Wetter, Schmutz, Allergien etc.) und durch Infektionen (Warzen, Rinderflechte etc.) geschädigt werden. Am häufigsten sind jedoch Veränderungen der Zitze durch den maschinellen Milchentzug.

 

Veränderungen der Zitze und ihre Bedeutung

Der beobachtbare Zustand der Zitze wird als Zitzenkondition bezeichnet. Zitzen sollten nach Abnahme des Melkzeugs genauso wie vor dem Melken aussehen (rosa, glatt, trocken usw.). Alle Anzeichen, die auf eine eingeschränkte Blutversorgung der Zitze hinweisen (siehe unten stehende Aufzählung), sind unerwünscht und weisen auf ein erhöhtes Risiko für die Anheftung an und für den Eintritt von Mastitiserregern in die Zitze hin.


Ringwarzenartige Zubildungen (Foto: V. Krömker)

Ringwarzenartige Zubildungen (Foto: V. Krömker)

Veränderungen der Zitzenkondition durch den maschinellen Milchentzug

  • Verfärbungen (rot, blau)

  • Ringbildungen und Einschnürungen vor allem an der Zitzenbasis

  • Blutungen (punktförmig oder größer)

  • Ödeme (Verfestigungen des Gewebes durch die Einlagerung von Blut, Lymphe und Gewebsflüssigkeit in die Zitze)

  • Quetschungen

  • Ringwarzenartige Zubildungen an der Zitzenkanalöffnung

 

Ursachen für schlechte Zitzenkondition

Beim maschinellen Melken wird die Kraft eines applizierten Vakuums zur Überwindung des Zitzenkanalwiderstandes genutzt. Da sich die Vakuumeinwirkung nicht auf den unmittelbaren Bereich der Zitzenöffnung beschränken lässt, ist auch das umgebende Gewebe der Wirkung des Vakuums ausgesetzt. Hierbei kommt es zunächst zur Beeinträchtigung der Blutzirkulation, die überwiegend Venen und Lymphgefäße betrifft, wodurch die Abflussmöglichkeiten reduziert werden. Somit führt die Anwendung des Vakuums zur vermehrten Ansammlung von Gewebeflüssigkeit in der Zitzenspitze. Dieser vermehrten Flüssigkeitsansammlung im Gewebe wird durch massierendes, zyklisches Öffnen und Schließen des Zitzengummis entgegen gewirkt (Pulsierung).

Wenn eine effektive Pulsierung nicht gelingt, können maschinelle Melksysteme die lokalen Abwehrsysteme im Zitzenbereich schädigen und die Melkeigenschaften (insbesondere Ausmelkgrad, Melkdauer und Zitzenkondition) nachteilig beeinflussen. Nur wenn sich der Zitzengummi unmittelbar unter der Zitzenspitze schließt und die in der Saugphase in der Zitzenspitze angesammelte Gewebeflüssigkeit – das Blut und die Lymphe – nach oben massiert und damit die Beeinträchtigung der normalen Blutversorgung der Zitzen in engen Grenzen hält, können die lokalen Abwehrsysteme intakt bleiben. Trotz optimaler Pulsierung, kann die dauerhafte Integrität des Zitzengewebes nur dadurch sichergestellt werden, dass die Anwendung des Vakuums zeitlich begrenzt erfolgt.

Bei Zitzenkonditionsproblemen müssen also sowohl die Vorbereitung der Kühe vor dem Melken (ausreichend stimuliert, trockene Zitzenhaut), die Pulsierungseigenschaften aber auch die Melkdauer kritisch überprüft werden.

Auch wenn technisch einwandfreie Voraussetzungen für das maschinelle Melken gegeben sind, kann es ein, dass die feststellbaren oben beschriebenen Veränderungen der Zitzenkondition darauf hinweisen, dass in der jetzigen Ausstattung der Anlage ein an die morphologischen Eigenschaften der Zitzen der gemolkenen Tier angepasstes Melken nicht gelingt. Diese Eigenschaften werden in der DIN/ISO für Melkanlagen nur bedingt erfasst. So kann eine DIN/ISO-konforme Anlagenausstattung nicht in jedem Fall eine effektive Pulsierung sicherstellen. Um diese zu erreichen, sollte vor Inbetriebnahme einer Anlage durch Kontrolle der Zitzeneigenschaften die Basis für die Auswahl der technischen Einstellungen geschaffen werden. Eine Optimierung des Melkverhaltens setzt diese Abstimmung voraus. Hierzu ist vor allem eine Verbesserung der Kraftübertragung auf das zu massierende Zitzengewebe durch ein angepasstes Zitzengummi notwendig. Da bislang keine Messergebnisse vorliegen, die alle oben dargestellten Interaktionsmöglichkeiten berücksichtigen, kann die optimale Kombination nur durch Probieren gefunden werden.

Eine gute Zitzenkondition sichert einen zügigen und vollständigen Milchentzug und kann das Risiko für Euterentzündungen erheblich senken. Eine gute Zitzenkondition setzt eine sachgerechte Vorbereitung der Kuh vor dem Melken (60 sec Stimulation, z.B. 15 sec Vormelken und Reinigen, 45 sec Wartezeit, trockene Zitzenhaut), aber auch eine effektive Pulsierung durch das Melksystem voraus. Da die Pulsierung nicht allein von technischen Kriterien, sondern vielmehr von der richtigen Abstimmung der Technik auf die Tiere abhängig ist, sollte vor der Installation einer neuen Melkanlage, spätestens aber nach Inbetriebnahme einer Anlage die Zitzenkondition sachgerecht überprüft und etwaige Mängel durch Anpassung der Melkarbeit und des Melksystems abgestellt werden.


Achten Sie auf einen absolut gleichbleibenden Ablauf der Melkroutine - Kühe mögen keine Veränderungen!

Vorgehen bei der Melkarbeit

  • Tieransprache
  • Vormelken und Vorgemelkskontrolle (Vormelkbecher)
  • Zitzen- und Euterreinigung (trocken mit Einmalpapier, gute Grundsauberkeit, Euterhaare geschoren)
  • anrüsten (vollständig = 60 - 90 sec inkl. Vormelken, Reinigung und Wartezeit)
  • Maschinenkontrolle (Vakuumhöhe, Hygienestatus)
  • Ansetzen des Melkzeugs (< 1,5 min nach Stimulationsbeginn, ohne Luftansaugen)
  • Positionierung Zitzenbecher senkrecht unter den Zitzen (Zitzengummis/Schläuche nicht verdreht)
  • Nachmelken ist unnötig bei genügender Stimulation eutergesunder Tiere
  • Abnahme des Melkzeugs (kein Blindmelken, Kontrollgriff, Abschalten des Vakuums, belüften des Sammelstücks, sanftes Abnehmen des Melkzeugs)
  • Zitzendesinfektion (unmittelbar nach Abnahme, Hautpflege ist genauso wichtig wie Desinfektion, hygienische Kontrolle des Dippbechers)
  • Zwischendesinfektion (Kosten-Nutzen)
  • Fütterung im Anschluss an die Melkarbeit, um das Hinlegen der Kühe zur Verminderung der Kontamination zu verhindern
  • Reinigen und Desinfektion der Anlage
DLQ-p

Überprüfung des maschinellen Milchentzugs


Melkmaschine
• Maschinenkontrolle (gem. DIN/ISO 5707, mind. 1 x jährlich)
• Dimensionierung (entspr. Melkzeuganzahl, Tiermaterial)
• Gummiteile (Alter, Flexibilität)
• Zitzengummi (angepasst – Weite, Länge)
• Vakuumstabilität (Schwankung < 2 kPa)


Milchtier
(gewünschtes Tierverhalten)

• Zügiger Eintritt in den Melkstand
• Geringes Abkoten im Melkstand (< 5 %)
• Hohe Wiederkauaktivität im Melkstand
• Geringe Abwehrbewegungen im Melkstand


Nassinspektion (beim Melken)

• Milchflusscharakteristik im Leitungssystem (möglichst laminar)
• Vakumhöhe (wie angegeben)
• Vakuumstabilität (Schwankung < 2 kPa)


Milchabgabeverhalten

• Melkdauer (10 kg = 5 min, für je 5 kg Milch mehr plus 1 min; für 15 kg = 6 min)
• Ausmelkgrad (Nachgemelk mit der Hand in 30 sec < 0,3 – 0,5 kg)
• Anfall von Melkzeugen (< 5 % der Kühe)

 

Wie kann ich den Ausmelkgrad des Euters einfach und sicher überprüfen?

Wenn sich beim manuellen Nachmelken vier oder mehr satte Strahlen ausmelken lassen ist das Viertel nicht ausreichend ausgemolken!  


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